Poststreik - Warum ich ihn nicht (mehr) unterstütze

Wie wir (fast) alle feststellen durften, hält nun der Poststreik weiter an und man ist nicht bereit, den Streik zu beenden. Ich kann - ganz ehrlich - den Ärger der Angestellten verstehen und nachvollziehen, dass es außer einem Streik nahezu keine Mittel gibt, um die Post vom Ärger der Leute und einem Lösungswunsch zu überzeugen. Es ist aus menschlicher Sicht nicht in Ordnung, seine Mitarbeiter derart auszubeuten und auf gut deutsch zu verarschen. Aber...

Was ich in der letzten Zeit über diverse Medien und Diskussionen - unter anderem mit Angestellten der Post - gelesen und gehört habe, brachte mich dazu, die ganze Sache ein wenig anders zu betrachten. Und wenn ich neutral und vernünftig darüber nachdenke, welche Auswirkungen der Streik im Moment hat und wie es im Verhältnis zu den Forderungen der Angstellten steht, muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich mich - bei aller Liebe - NICHT mehr hinter den Streikenden positionieren möchte.

Ich bin zwar ein Mensch, der sich grundsätzlich immer für schwächere Menschen einsetzt und gerne den Kopf hin hält, wenn es einmal wirklich hart auf hart kommt. Und ich bin ein Mensch der viel mehr Wert auf Vernunft, Menschlichkeit und Fairness legt, als auf Profit und Status. Und genau bei diesem Streik der "Postler" sehe ich einen gewaltigen Konflikt zwischen Forderung und Schadensbegrenzung. Was mich dann auch noch schlussendlich zur negativen Einstellung gegenüber der Postler gebracht hat, war die Tatsache, dass deren Parolen weit über das Ziel hinaus schießen und die eigenen Mitarbeiter teils menschenunwürdig behandelt werden, nur weil sie eine andere Denkweise pflegen.

Die Gründe für den Streik sind ja nun den meisten Menschen bekannt. Man kann auch sehr gut nachvollziehen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn man seine Angestellten mehr oder weniger zwingt, Verträge aufzulösen oder zu unterschreiben, um mit schlechteren Konditionen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Nun mal abgesehen vom teilweise sehr schlechten Arbeitsklima, Mobbing und anderen Dingen, die kritisiert wurden.

Warum ich gegen den Strom schwimme? Vier gute Gründe:

1. Unternehmerische Freiheiten
Wir leben in einem Land, welches Unternehmern fast uneingeschränkte Freiheiten lässt, das eigene Unternehmen - egal in welcher Größe, Art und Umfang - frei zu gestalten. Jeder Mensch muss das Recht haben, sein Geschäft nach eigenem Wunsch zu definieren und zu kalkulieren. Dabei dürfte klar sein, dass prinzipiell jeder Unternehmer großen Wert darauf legt, dass die Gewinne maximiert werden. Zugegeben: Wenn es sich um ein derart großes Unternehmen wie die Post handelt, dann gibt es bedeutend mehr Spielraum bei Löhnen und natürlich sollte auch hier ein wenig mehr auf das Arbeitsklima geachtet werden. Man muss aber das Ganze einfach nüchtern betrachten und einem großen Konzern die exakt identischen Rechte zusprechen, wie man sie einem kleinen Unternehmer zusprechen muss. Wenn also ein Unternehmen der Meinung ist, dass die Gewinne weiter gesteigert werden müssen und dafür Löhne niedriger angesetzt oder Stunden erhöht werden, ist dies eine freie Entscheidung des Unternehmers. Ob das nun in Ordnung ist oder nicht: Man MUSS auf diese Freiheit bestehen und sie dem Unternehmer gewähren, denn es ist SEIN Betrieb. Damit diese unternehmerische Freiheit aber nicht uneingeschränkt missbraucht wird oder extrem ausartet was die Gehälter angeht, gibt es neuerdings in Deutschland den Mindestlohn. Auch dafür wurde gekämpft, aber dies nicht halbwegs mit so scharfen Klingen, wie es derzeit bei der Post der Fall ist.

Die streikenden Postler liefern Parolen mit Inhalten und Vorwürfen wie "Machtausübung gegenüber Arbeitnehmern" und beschweren sich darüber, dass sie sich nicht wehren können. Nun muss ich mal ernsthaft die andere Seite betrachten und eine Frage stellen: Was macht denn der streikende Postler im Moment? Ist es nicht so, dass die Arbeiter derzeit versuchen Macht gegenüber dem Arbeitgeber auszuüben und ihm dabei keine Möglichkeiten lassen, sich zu wehren, sondern ihn zu etwas zwingen? Denkt mal bitte ein wenig darüber nach und versetzt euch in die Lage der anderen Seite. Ich rede hier nicht von Emotionen, sondern von nüchtern betrachteten Fakten.  

2. Man sollte die Kirche im Dorf lassen
Natürlich ist es schlimm, wenn man für die gleiche Arbeit oder oft auch für noch mehr Stunden die Woche, noch weniger Geld bekommt. Aber wenn ich mir die Gehälter bei der Post genauer ansehe, kann ich den Ärger nur noch teilweise verstehen. Denn die Gehälter sind - nüchtern betrachtet - sogar relativ hoch, wenn man sie mit dem allgemeinen Durchschnitt realer Werte unserer Arbeitswelt vergleicht (abgesehen von offiziellen, getunten Zahlen unserer Lügenpolitik).

Zu beginn erhält man bei der Post - laut Grafik und verbreiteter Zahlen - einen Monatslohn von etwa 1970 EUR. Bei einer 38,5 Stunden Woche entspricht das über den Daumen gepeilt - wenn wir von 160 Stunden im Monat ausgehen - etwa 12 EUR die Stunde. Aber halt! Arbeitet man bei der Post schon länger, dann steigt das Einkommen. Nach 15 Jahren bekommt man dort wohl etwa 2572 EUR, was umgerechnet etwa 16 EUR die Stunde sind. Der Mindestlohn in Deutschland beträgt 8,50 die Stunde und liegt damit ein gutes Stück unterhalb dem Anfangsgehalt bei der Post. Bei den langfristigen Mitarbeitern wird sogar knapp das Doppelte des Mindestlohns verdient.  

Einem Zeitarbeiter der nun diesen Beitrag liest und daran denkt, dass er seit einer gefühlten Ewigkeit keine Post und keine Pakete mehr bekommt, dürfte nun die Kinnlade auf den Tisch fallen. Denn der "kleine Mann" muss in der Regel für weit weniger Geld bis aufs Blut arbeiten und nicht nur unter Zeitdruck eine Ladung Briefe und Pakete ausfahren. Mal ganz abgesehen von Subunternehmern, die ähnliche Arbeit für die Post und andere Versandunternehmen leisten, dafür aber sogar weniger als den Mindestlohn (weil Selbstständig) kassieren. Übrigens dürfen es genau diese Leute im Moment büßen, dass ihre gut bezahlten "Kollegen" fordernd die Arbeit niederlegen. Ich glaube was die Gehälter und die Konditionen bei der Post angeht, müsste man dies einem Fahrer bei bestimmten anderen Versandunternehmen gar nicht erst erzählen. Denn gerade die letzten Verteiler am unteren Ende der Kette, haben das größte Leid und keine Möglichkeit für einen Streik. Diese müssen nun sogar noch mehr Arbeit, Stress und Mobbing ertragen, weil die Herrschaften bei der Post nicht mehr den jährlichen Urlaub oder das eigene Häuschen finanzieren können. Ja, das ist durchaus böse, wenn man das so liest. Aber ist es nicht wahr?

3. Verhältnismäßigkeit des Streiks
Während sich die Postler im Recht sehen und engstirnig den eigenen Ärger betrachten, sich dabei wie die Nazis zur Hitlerzeit aufführen (ja, die Parolen der Postler und die Behandlung von "Streikbrechern" erinnern mich stark an Inhalte der Geschichtsbücher zum Thema Nazis) und jeden Kollegen öffentlich als "letzten Dreck" oder "Verräterschwein" bezeichnen, nur weil er nicht am Streik teilnehmen möchte, sehe ich mir diese Parolen und den Unmut an und überlege, ob dies im Verhältnis zu dem steht, was man da von der Post fordert. Und ich muss ehrlich sagen: Nein! Dass ein Streik durchaus gerechtfertigt sein kann, möchte ich an der Stelle nicht abstreiten. Ich stand anfangs ja selbst dahinter und wünschte den Leuten viel Erfolg dabei. Es wäre wahrhaft schön gewesen, wenn bereits zum Anfang des Streiks ein Erfolg erkennbar gewesen wäre. Mich würde es wirklich super freuen, wenn man bei der Post zur Einsicht gelangt und von den riesigen Gewinnen auch ein paar "Schmankerl" für die Angestellten - angefangen bei den Schwächsten - bereithalten könnte. Es würde der Post nicht weh tun, wenn Gehälter beibehalten und vielleicht sogar noch ein paar gut bezahlte Arbeitsplätze mehr besetzt werden.

Es kann aber beim besten Willen nicht zielführend sein, wenn man OHNE jegliche Reaktion des Arbeitgebers, weiterhin einen totalen Stop einlegt, wenn dieser direkte Auswirkung auf sehr viele Unschuldige hat. Denn man schadet im Grunde nur dem "kleinen Mann", aber sicherlich nicht den Aktionären, also quasi den "Fetten" die ganz oben sitzen und morgens lieber Golfen gehen, als am Fließband zu stehen. Die Gehälter und Randinformationen des Streiks betrachtet, finde ich das Ganze schon ein wenig übertrieben und keineswegs mehr im Verhältnis. Es wäre begrüßenswert gewesen, wenn sich die Leute für ihren Streik zumindest eine etwas humanere Art einfallen hätten lassen. Vielleicht kein andauernder Streik, sondern eher das knallharte Durchziehen bei den Stunden. Sollen sie doch die geforderten 36 Stunden die Woche arbeiten und dann einfach Feierabend machen. Oder eben dann gesammelt nur so lange arbeiten, wie es vergleichbar mit dem bisherigen Lohn in Stunden wäre. Sollen sie sich doch allesamt weigern, in Tochterunternehmen zu wechseln und ganz einfach so weitermachen wie zuvor. Warum muss es ein totaler Ausfall sein?


4. Kritische Auswirkungen, gerade auf die Schwächsten
Was viele der streikenden Postler gänzlich aus dem Blickwinkel verlieren ist die Tatsache, dass es nicht nur negative Auswirkungen bei Privatleuten gibt, weil deren "normale" Post nicht zugestellt wird. Auch ist es halb so wild, wenn die bestellte Kleidung oder das neue Smartphone in einem Depot liegen bleibt. Das ist im Grunde nicht das Problem des Streiks. Aber...

Derzeit gibt es hunderte Unternehmer (!) die massive Schwierigkeiten haben, ihre tägliche Arbeit zu erledigen. Es gibt viele Versandhändler, Dienstleister, Werkstätten usw. die seit Anfang des Streiks massive Einbrüche bei den Umsätzen und bedrohliche Schwierigkeiten mit deren Kunden haben. Ich habe in den vergangenen Tagen einige Fälle mitbekommen, bei denen die Existenz durch den Streik bedroht ist und man nun mit allen Mitteln versucht, über Wasser zu bleiben.

Unzählige Versandhändler haben Probleme beim Beschaffen von Waren, haben teilweise hohe Beträge in Warenlieferung investiert, die nun irgendwo im Lager der Post rumliegt. Ich kenne einen Fall, bei dem für einen Kundenauftrag Hardware geordert wurde die 4-stellig gekostet hat. Diese liegt nun bei der Post und kann nicht einmal direkt abgeholt werden (man weigert sich knallhart). Hier musste nun der Unternehmer Geld sammeln, um Ersatz beschaffen zu können, weil durch den Streik auch der allgemeine Umsatz stark angekratzt wurde.

Da dürfte es durchaus einige Unternehmer geben, die derzeit sehr stark kämpfen müssen, um diese Zeit einigermaßen überstehen zu können. Dabei trifft es - wie immer - die kleinen Unternehmer besonders hart. Denn hier fehlt das Polster und da kann ein kleiner Verlust am Umsatz schon enorme Auswirkungen haben. Haben Sie eine Vorstellung davon, wieviele Bestellungen nun aufgrund der Streiks und damit verbundener Wartezeiten der Kunden einfach widerrufen werden und was dies für Auswirkungen auf die Versender hat? Unternehmer die nicht mit der Post/DHL arbeiten haben hier derzeit das große Glück, denn viele Kunden wenden sich aktuell sicherlich direkt von Händlern ab, die mit DHL verschicken und wechseln lieber zum Mitbewerber.

Es gibt sehr viele Hilfebedürftige Menschen, die aktuell sehr große Probleme - zum Beispiel mit der Beantragung von Sozialleistungen - haben. Da bleiben Bescheide, Unterlagen und Nachweise bei der Post hängen, die für den Leistungsbezug notwendig sind. Für diese Leute dürfte es ein massives Problem darstellen und die Existenz bedrohen, da gerade diese Menschen auch keine Rücklagen haben und nicht so flexibel sind, wie der normal gestellte Bürger oder gar der Postler, der ja weiterhin Geld bekommt, auch wenn er nicht dafür arbeitet. Diese Menschen stehen ganz am Ende der Nahrungskette in diesem Land und müssen nun irgendwie versuchen, möglichst wenig Schaden davon zu tragen.

Im Rechtsstreit dürfte es aktuell auch enorme Probleme geben. Haben Sie eine Ahnung, welche gravierenden Auswirkungen der Poststreik auf Gerichtsverfahren, Fristen und dergleichen hat? Natürlich kann man Ärger diesbezüglich abwenden, weil es "höhere Gewalt" ist wenn die Post streikt. Aber haben Sie auch nur annähernd eine Idee, wie belastend dies sein kann, welcher Aufwand dadurch entsteht und was dies - zum Beispiel für den Mehraufwand des Anwalts - im Endeffekt kosten kann? Ich könnte diese Beispiele nun noch endlos ausführen, aber ich gehe davon aus, dass eigentlich jeder denkende Mensch selbst dahinter kommen sollte, welche gravierenden Auswirkungen dieser Streik hat und noch haben wird.   

Und die oben genannten Gründe sind für mich auch die Hauptgründe, warum es langsam mal wieder aufhören sollte mit diesem Streik. Es ist einfach nicht mehr in Ordnung, wenn für ein relativ kleines Publikum die große und breite Masse erheblich leiden muss.


Was hat denn der Postler von seinem Streik eigentlich?

Kurz gesagt: Mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nichts. Im Gegenteil... Es könnte sogar zu noch schlimmeren Auswirkungen kommen, als die Dinge, die derzeit Grund für den Streik sind. Ich gehe davon aus, dass der Streik aktuell auch bei der Post für entsprechenden Schaden sorgt. Und was glauben Sie, wie sich das auf Arbeitsplätze und Löhne auswirken wird, wenn das Unternehmen einen Verlust zu verzeichnen hat? Denken Sie, dass die Post einlenkt und lächelnd über den unternehmerischen Verlust hinwegschaut, anschließend nachgibt und alle Beteiligten sind happy? Nein, ich denke nicht. Es könnte vielleicht eher noch dazu führen, dass das Personal zum nächstmöglichen Zeitpunkt, nach und nach eine Kündigung in die Hand gedrückt bekommt. Denn - wie wir alle wissen - gibt es Arbeitslose wie Sand am Meer. Und es gibt sicherlich Millionen Leute, die für das künftige Gehalt bei der Post, sehr gerne arbeiten würden. Gerade die Zeitarbeiter, die aktuell sogar noch streiten/klagen müssen, um überhaupt den Mindestlohn auch tatsächlich zu erhalten.

Was glauben Sie was passiert, wenn nun ein paar Hundert oder gar tausende Versandhändler DHL komplett aus dem Programm werfen und zu Mitbewerbern ausweichen, weil sie die Nase voll haben? Und ich rede nicht nur von Versandhändlern in Deutschland, sondern weltweit! Das dürfte für Schwierigkeiten sorgen und gleichzeitig einige Arbeitsplätze bei der Post in Frage stellen. Denken Sie mal darüber nach...

Hinzu kommt, dass die derzeit sehr hoch gestapelten Berge von Briefen und Päckchen mit ziemlicher Sicherheit auch noch ausgeliefert werden müssen, sobald der Streik vorbei ist. Und ich glaube kaum, dass die Post hierfür noch ein paar Tausend weitere Briefträger einstellt. Die streikenden Postler dürften also im Anschluss an den - wahrscheinlich sinnlosen - Streik, auch noch die gesamte Arbeit nachholen. Ob das so viel Spaß macht?

Man darf aber durchaus davon ausgehen, dass "die da oben" sich herzlich wenig für den Streik interessieren und - gerade weil es so radikal gestaltet wird - alleine schon aus Trotz nicht nachgeben werden. Es wäre vielleicht sinnvoller, wenn man sich Gedanken um mögliche Alternativen machen würde. Und wer sich bei der Post nicht "verarschen" lassen möchte, der sollte eben über eine Bewerbung in einem anderen Unternehmen nachdenken. Dafür haben wir in diesem Land ja auch gewisse Freiheiten und können selbst entscheiden, ob wir zu angebotenen Konditionen arbeiten möchten oder eben nicht.

Ich gehe nun davon aus, dass dieser Beitrag und meine Meinung bei sehr vielen Lesern - wahrscheinlich eher bei den streikenden Postlern - auf Hass stoßen wird und man mich dafür am liebsten steinigen würde. Man darf ja im Moment nicht das Wort gegen die streikenden Postler erheben, ohne dafür im "Shitstorm" mit Beleidigungen und primitiven Parolen bombardiert zu werden. Aber ich denke, dass ich in dem Fall vielleicht gar nicht so falsch liege und man mir durchaus in ein paar Punkten Recht geben muss. Mein bisheriges Feedback in Foren und bei Diskussionen war eigentlich recht positiv - zumindest von den "Normalos" und denken Menschen da draußen.  

Und für alle Verschwörungstheoretiker: Nein, ich werde für diesen Beitrag nicht von der Post bezahlt. Ich war noch nie käuflich, aber sehe die Dinge nun ein wenig anders als die Masse.

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