LOVOO - Hintergrund: Abzocke durch Fake-Profile & künstliche Interaktionen

Gestern war es in fast allen großen Medien zu lesen. Mit dem Titel "Dating-Plattform Lovoo im Fake-Verdacht" wurde ein Report veröffentlicht, der es in sich hatte. Es folgten hunderte Kommentare von Lesern, bei Twitter schaffte es #Lovoo in das Top-Ranking der "Hashtags" und auch bei Facebook wurde wild diskutiert. Da ich selbst einen erheblichen Beitrag zum Thema geleistet habe und somit auch mir von LOVOO vorgeworfen wurde, ich hätte nicht "sauber" recherchiert, möchte ich nachfolgend einen kleinen Einblick in die Hintergründe geben. ...

Vor etwa einem halben Jahr, habe ich im Blog bei „Sicherheit-Online.org“ einen Beitrag veröffentlicht, der sich mit der Plattform „LOVOO“ beschäftigt. Da ich ein „Single-Nerd“ und neugieriger Mensch bin, habe ich mir damals spontan diverse Flirt-Plattformen und Dating-Apps angesehen, die im deutschsprachigen Raum verfügbar sind. Darunter war auch die bekannte Flirt-Plattform „LOVOO“, die - laut Betreiber - aktuell über 30 Millionen Mitglieder hat. Nach einer kurzen Registrierung wollte mir den Funktionsumfang ansehen und mir die Frage beantworten, was denn die Plattform so erfolgreich macht. Mir sind jedoch - kurz nach der Einrichtung meines Profils - einige Ungereimtheiten aufgefallen, die mich dazu gebracht haben, mir die Plattform etwas genauer anzusehen und das Verhalten der Plattform, sowie der anderen Nutzer zu beobachten. Als ich mir das Ganze eine Zeit lang angesehen und das Verhalten der Plattform auch mit anderen Accounts getestet hatte (um sicherstellen zu können, dass es bei mir kein Einzelfall ist), begann ich damit, mir die einzelnen Auffälligkeiten aufzuschreiben und das Schema zu studieren. Ich fing an zu verstehen, wie das System funktioniert und war überzeugt, man würde die Benutzer mit künstlichen Interaktionen täuschen, manipulieren und mit diversen Mitteln dazu verleiten, ein kostenpflichtiges Abonnement abzuschließen oder temporäre Premiumdienste zu buchen. In meinem anschließend veröffentlichten Blogeintrag, musste ich meine Aussagen auf die eigenen Recherchen, Feststellungen, Erfahrungen und Analysen stützen, ohne dabei einen direkten Blick hinter die Fassade zu haben. Ich war jedoch überzeugt davon, dass meine Theorien auch der Realität entsprechen und lag damit – wie ich kürzlich erfahren durfte – offenbar komplett richtig.

Denn im Juli 2015 – also etwa 4 Monate nach der Veröffentlichung meines Beitrags im Blog - erhielt ich eine anonyme Nachricht, in der mich ein Leser meines Blogs auf die von mir veröffentlichten Feststellungen und die damit zusammenhängenden Vorgänge bei LOVOO angesprochen hatte. Er äußerte mir gegenüber, dass er im Besitz von Dokumenten sei, die beweisen, dass die Benutzer von LOVOO mit Hilfe von Fake-Profilen und automatisierten Interaktionen, gezielt betrogen werden. Alles nur zu dem Zweck, die Benutzer zu täuschen und den Umsatz zu maximieren. Dieser „Mr. Unbekannt“ lieferte mir Zugang zu einer Ladung sehr brisanter Informationen, Dokumente und Auszüge interner Kommunikation, aus den innersten Führungskreisen der LOVOO GmbH. Ich war zunächst unsicher, was die Echtheit der Informationen betraf. Immerhin waren es wirklich „harte Anschuldigungen“ und Informationen, die man nicht alltäglich auf dem Tisch hat. Auf Nachfrage zur Herkunft der Daten und deren Echtheit, lieferte mir der Informant weitere, interessante Details, sowie diverse Zugangsdaten und sogar den Quellcode der Plattform. Nach meiner Sichtung und Prüfung des Materials wurde mir klar, dass es sich tatsächlich um echtes Material handeln musste. Ich erhielt also einen sehr umfangreichen Einblick in das System und bin dadurch in der Lage, meine damalige Theorie zu untermalen. An der Echtheit der überlieferten Quellcodes und Daten, habe ich persönlich keinerlei Zweifel. Es handelt sich um Pakete, die direkt aus der Entwicklungsumgebung von LOVOO stammen.

Wenige Tage nach meinem ersten Kontakt mit dem Informanten, wurde ich vom „c’t Magazin“ angeschrieben, welches ebenfalls Kontakt mit dem Informanten hatte bzw. vom Informanten angeschrieben wurde. Man hat mich auf die Thematik, sowie auf meinen damaligen Blogeintrag angesprochen. Da ich mich ja bereits Monate zuvor mit dem Thema „LOVOO“ beschäftigte und daher bereits einen sehr guten Wissensstand hatte, schien es beiderseits am besten, das Thema in einer gemeinsamen Recherche aufzuarbeiten. Gerade weil das „Material“ sehr umfangreich war und man Stück für Stück an die Sache herangehen musste. Es ist ein gemeinsamer Report entstanden, der nun im „c’t Magazin“ 21/2015 erschienen ist.

LOVOO hat zu den Vorwürfen ein kurzes Statement abgegeben und behauptet, es wären haltlose Anschuldigungen. LOVOO hat nun die Recherchen zur Sache in Frage gestellt, ebenso wie die zugespielten Details des Informanten. Man bezeichnet die Quelle als "dubios" und behauptet weiter, dass man keine Fake-Profile anlegt oder die Benutzer in beschriebener Art "abzockt".

Kommentare  

0 #8 Anwi 2015-12-22 02:02
Also ich möchte mich als Frau auch gerne äüßern.
Ich kann nur bestätigen, dass es bei Lovoo definitiv nicht mit rechten Dingen abgeht. Ich habe viele Anfragen und like sehr selten. Jedoch bin ich schon 2 x in einen Chat geraten, der urplötzlich komplett von der Bildfläche verschwunden ist, als ich, auch nach „längerem“ Schreiben, direkt am ersten Tag ein Treffen ablehnte und mich für eine Bettgeschichte nicht offen zeigte. Ich konnte weder alle zuvor geliked Bilder, das besuchte Profil, noch den Chat aufrufen.. Der User war wie vom Erdboden verschluckt..
Mir ist es zudem passiert, dass 2 Personen einen Chat geführt haben, quasi im Schichtsystem, aufgefallen ist mir dies durch Grammatik und Rechtschreibfehler – der User ging nach meiner Konfrontation offline, kurze Zeit später war auch er nicht mehr auffindbar.
Hier wird abgezockt und massiv verarscht.
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0 #7 Kilian B. 2015-10-15 08:22
Geht die Geschichte denn irgendwie weiter? Oder war es das jetzt?
Lovoo betreibt seine Geschäfte ohne Skrupel weiter so und keinen juckt es?
Würde mich wirklich interessieren.
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+3 #6 melexis 2015-09-21 06:52
Das perfide an dem Lovoo System ist ja dass man durchaus immer wieder mal nette Leute kennenlernen und auch treffen kann und konnte, und ich rede jetzt nicht von ONS und Affären. Von daher vertraute man dem System irgendwie. Aber zuletzt war es nur noch ätzend: 800 Profilbesucher, 400 Interessentinnen, davon nach der Löschaktion seitens Lovoo nur 50 übrig, ich selbst hatte zuletzt gar nicht mehr nachgesehen, trotz VIP.

Viel schlimmer als der finanzielle Schaden dürfte bei einigen Herren der psychologisch Effekt sein, denn die Massen-Ablehnung (durch nicht reale Frauen) nagt schon gewaltig am Ego. Irgendwann schiebt man - solange man das System noch nicht durchschaut hat - einen regelrechten Frauenhass. Gepaart mit paranoiden Verhaltensweisen wie hinter jedem Profil einen Fake zu wittern. In Folge is man irgendwann derart verunsichert dass man selbst im realen Leben kaum mehr jemanden ansprechen will.
Aber Herr Bak wird davonkommen. Leider...
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+2 #5 Heiko Frenzel 2015-09-20 14:21
zitiere Sam Smith:
Wird sich der Verbraucherschutz auch mit der Sache Lovoo beschäftigen? Und ist der Vorwurf Betrug juristisch durchsetzbar? Viele dieser Portale haben in den AGBs Klauseln, die besagen, dass Animationsprofile verwendet werden.
Wer oder wie finanziert sich Lovoo? Gibt es möglicherweise Investoren, die mit gefälschten Nutzerzahlen hinters Licht geführt wurden?
Schöne Recherche. Am Ball bleiben.


Unter "Animationsprofil" verstehe ich persönlich etwas komplett anderes. Würde man lediglich Fake-Profile einsetzen, um die Community zu füllen, wäre das weniger schlimm. Dadurch wird zwar der Benutzer ebenso getäuscht, trägt aber keinen finanziellen Schaden davon. Demnach wären "Fakes", welche einfach nur da sind, aber keine kostenpflichtigen Interaktionen provozieren auch nicht das große Problem.

Der Begriff "Betrug" wird im StGB §263 beschrieben:

(1) Wer in der Absicht, sich [...] einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, daß er durch Vorspiegelung falscher [...] Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Der Versuch ist strafbar.


Was der Verbraucherschutz macht oder machen wird, kann ich dir an der Stelle nicht beantworten. Das müsstest du direkt dort anfragen.
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+4 #4 Nutzer 2015-09-20 12:05
Auch sehr interessant, der Hinweis aus dem lovoo Help Center:
Um dein VIP-Abo zu kündigen, musst du dich ausschließlich an deinen Zahlungsanbieter (iTunes, PayPal etc.) wenden. Bitte beachte: Die Löschung deines LOVOO Profils führt nicht automatisch zur Kündigung deines Abos!
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0 #3 Kilian B. 2015-09-19 21:49
Danke für diesen Beitrag. Interessantes Thema. Denn auch ich wusste das es auf derartigen Portalen massig Fakes gibt, dachte aber immer das wäre legitim. Denn bis heute wurde so etwas ja nie kritisiert bzw rechtlich verfolgt. Aber vermutlich geht es hier um die Größenordnung von 5 Mio falscher Profile. Bin gespannt was diese Firma Lovoo in nächster Zeit so macht & tut. Hätte man die recherchierten Dinge nicht gleich der Staatsanwaltschaft überreichen sollen? Jetzt haben die Leute Macher von Lovoo doch ewig Zeit alles zu vernichten. Oder sehe ich das falsch?
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0 #2 someOne 2015-09-19 20:42
Großartige Arbeit.

Jeder halbwegs IT-sensible Mensch der Lovoo nutzt merkt den Schwindel nach wenigen Tagen. Das Schema des Botting ist so stupide das man sich gefragt hat "Für wie blöde halten die mich?". Und dann behaupten die noch das sie gegen Fakes (wie sie es nennen) vorgehen. Jeder halbwegs anständige Algorithmus hätte das Botting aufdecken können.

Ich drücke die Daumen für dein weiteres Vorgehen und lass dich nicht vom Betreiber mundtot machen.
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0 #1 Sam Smith 2015-09-19 18:20
Wird sich der Verbraucherschutz auch mit der Sache Lovoo beschäftigen? Und ist der Vorwurf Betrug juristisch durchsetzbar? Viele dieser Portale haben in den AGBs Klauseln, die besagen, dass Animationsprofile verwendet werden.
Wer oder wie finanziert sich Lovoo? Gibt es möglicherweise Investoren, die mit gefälschten Nutzerzahlen hinters Licht geführt wurden?
Schöne Recherche. Am Ball bleiben.
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